Magdeburg: Veranstaltung der AfD Hochschulgruppe verhindert

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Quelle: privat
Quelle: privat

Unter dem Titel „Gender an der Uni?!“ hatte die „Campus Alternative Magdeburg“ versucht für den 12.Januar ihre erste Veranstaltung mit André Poggenburg (Landesvorsitzender AfD LSA, MdL) und Prof. Dr. Gerald Wolf (emeritierte Neurowissenschaflter) an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg zu organisieren. Bei der „Campus Alternative Magdeburg“ handelt es sich um eine im April gegründete Hochschulgruppe der „Junge Alternative“, einer Jugendorganisation der AfD. Es blieb bei einem Versuch, da rund 250 Studierende und linke Jugendliche die Veranstaltung verhinderten.

Die 23-jährige Medizinstudentin Isabell beteiligte sich an den Protesten und berichtet von ihren Eindrücken über die gestrigen Ereignisse.

LB: Hallo Isabell, kannst du uns den Ablauf des gestrigen Abends schildern?

I: Hallo Lukas, wir haben probiert an diesem Tag einen inhaltlichen Gegenpol zur „Campus Alternative“ zu schaffen und mit eigenen Inhalten zu punkten. Die Gleichstellungsbeauftragte der OvGU, Dr. Sandra Tiefel hatte ab 17 Uhr einen Vortrag im Hörsaal 6 zum Thema „Gender-Mainstreaming“ gehalten. Im Foyer beteiligten sich verschiedene zivil-gesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen und verteilten z.B. Infoflyer. Im Hörsaal gab es eine offene Diskussion mit Pros und Contras zum Thema „Gender-Mainstreaming“. Wir verteilten währenddessen Zettel mit dem freiwilligen Appell sitzen zu bleiben und die Veranstaltung der „Campus Alternative“ akustisch zu begleiten. Nach der Diskussion blieb ein Großteil der Anwesenden also einfach sitzen. Ich denke, dass Poggenburg oder Gerald Wolf kein Gesprächspartner zum Thema „Gender-Mainstreaming“ sein können, da sie sich von Anfang an feindlich positionieren und somit auch gegen die Gender-Richtlinien der OvGU positionieren.

LB: Was für eine Personalie wurde mit Prof. Dr. Gerald Wolf eingeladen?

I: Gerald Wolf hat in der Vergangenheit in seinen Arbeiten die scheinbaren Unterschiede von Männern und Frauen aufgrund angeblich unterschiedlicher Gehirnstrukturen hergeleitet. Daraus resultiert er eine andere „Wertigkeit“ der beiden Geschlechter. Ebenfalls bezeichnet er die Sozialwissenschaften immer wieder als „ideologisiert“.Wolf benutzt medizinische Begriffe, wenn er feindlich über Einwanderung oder die Zusammensetzung der Gesellschaft redet und spricht auch gerne mal von „Entartung“. Des weiterem ist er ein EU-Gegner, pflegt private Kontakte zu AfD-Mitgliedern und gibt sich aber gleichzeitig parteilos.

LB: Wenn ihr mit mehreren hundert Menschen im Hörsaal ward, wie war es möglich das Poggenburg und seine Anhänger dennoch in den Hörsaal 6 gelangten?

I: Das ist eine gute Frage. Wir sind davon ausgegangen, dass sie es erst gar nicht in den Hörsaal schaffen, schließlich war dieser komplett voll und es gab bereits offizielle Ansagen in Bezug auf die Einhaltung der Brandschutzvorgaben. Ich glaube, wir haben einfach auf eine Absage gehofft. Als ein Betreten der Räumlichkeiten nicht ohne weiteres möglich war, drängten und schubsten private Securities – oder wie Poggenburg sie nannte „Personenschützer“ – die Leute beiseite und schreckten nicht vor körperlicher Gewalt zurück, um den Zugang zu ermöglichen. Unser Ziel, den Hörsaal zu besetzen, war somit nur bedingt erreicht, auch wenn wir zahlenmäßig in der Überzahl waren.

Quelle: Youtube/ Red Media Stadtfeld

Quelle: Youtube/Red Media Stadtfeld
Quelle: Youtube/Red Media Stadtfeld

LB: Ein paar Studierende standen Poggenburg & co unmittelbar mit einem Transparent gegenüber. Wie verlief der direkte Kontakt?

Wir wollten Poggenburg und co den Zutritt nicht ermöglichen und keine Diskussion mit ihm führen. Es gab einen lauten und inhaltlichen Protest. Viele beteiligten sich an den Sprechchören und riefen z.B. „Nationalismus raus aus den Köpfen“ oder „Biologismus raus aus den Köpfen“. Dennoch probierte die „Campus Alternative“ mit der Veranstaltung zu beginnen und ließen sich auch nicht durch andauernde sprachliche Interventionen davon abbringen. Um unsere Kritik an Poggenburg persönlich zu richten, nahmen wir ein Transparent und stellten uns vor die AfD-nahe Gruppe, um den Protest auch visuell zu begleiten. Dabei kam es auf halbem Wege zu einem Angriff der „Personenschützer“ Poggenburgs, sie schubsten und tritten und versuchten uns das Transparent zu entreißen . Ehrlich gesagt haben wir mit so einer massiven Gegenwehr nicht gerechnet. Es gab diesbezüglich auch keinerlei Vorankündigung. Somit haben sie maßgeblich zur Eskalation beigetragen. Eigentlich ist es auch nicht erlaubt, an Uni private Sicherheitsleute mitzubringen. Die OvGU hätte dann Veranstaltung aufgrund der mangelnden Sicherheitslage absagen sollen. Zwischendurch ist wohl auch noch ein Böller einige Meter von Poggenburg gezündet wurden. Getroffen hat dieser aber niemanden.

LB: Das unabhängige Recherchenetzwerk „Recherche MD“ zeigte bereits Verbindungen der AfD zur „Identitären Bewegung“ und zur neonazistischen Szene auf. Gab es ähnliche Zusammenhänge bei den AfD-nahen Besuchern?

I: Bei der Veranstaltung von Dr. Tiefel waren bereits Neonazis der Partei „Die Rechte Magdeburg / Jerichower Land“ anwesend. Erkannt habe ich Ingo Zimmermann [Landesvorsitzender Die Rechte] und Maik Range [Beisitzer im Landesschiedsgericht]. Ich war überrascht, dass die beiden nicht des Saales verwiesen wurden. Sie konnten also das ganze geschehen ungestört beobachten. An der offenen Diskussion haben sie sich aber nicht beteiligt.

LB: War die Situation angespannt als die Polizei ankam?

I: Ich bin mir nicht sicher, wer die Polizei eigentlich angerufen hat. Ich gehe mal davon aus, dass es die AfD war, da die Polizei sofort mit diesen die Lage beraten hat und sie schließlich unter dem Jubel der Anwesenden Studis heraus begleitet hat.

LB: Poggenburg sprach u.a. von einem „flaschenwerfenden Mob“. Hast du so eine Situation erlebt?

I: Ich habe nicht beobachten können, dass auch nur eine einzige Flasche geworfen wurde. Wir haben uns dem wütenden Security-Mob entschlossen und konsequent entgegengestellt und damit signalisiert, dass wir einen unmittelbaren Protest in der Nähe der Referenten für legitim halten.

Quelle: Twitter/Michael Bock
Quelle: Twitter/Michael Bock

LB: Sachsen Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sprach von „antidemokratischen Mitteln“ der Protestierenden. Was hältst du davon?

I: Ich finde Holger Stahlknecht misst hier mit zweierlei Maßstäben. Wenn die AfD an der Macht wäre, würde sie die freie Meinungsäußerung mit Füßen treten. Wir müssen keine Diskussionsbereitschaft suggerieren, wenn gewalttätige Parteimitglieder die Demokratie ignorieren oder abschaffen wollen. Schließlich waren es die AfD-Anhänger, die uns als erste attackiert haben. Wir hingegen haben ein Angebot geschaffen, dass sich die Protestierenden frei positionieren können. Wir haben eine offene Diskussion geführt und im Endeffekt waren heute auch alle freiwillig hier. Schließlich können und wollen wir niemanden zur Meinungsäußerung zwingen. Es haben sich hier fast 300 Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammengefunden, um gegen die AfD zu intervenieren. Stahlknecht darf nicht vergessen, dass auch Protest eine Form der demokratischen Artikulation ist.

LB: Empfindest du die verhinderte Veranstaltung als Erfolg?

I: Ja, voll. Es sind viele unterschiedliche Menschen zusammen gekommen. Darunter Menschen, die sich seit Jahren gegen rechte Probleme in Magdeburg engagieren, aber auch „normale Studis“ oder Menschen die sich für die Gleichberechtigung aller Einsetzen. Ergo waren wir eine große heterogene Gruppe aus jungen und alten Leuten. Es ist ein Erfolg, dass wir uns nicht zurückdrängen ließen, selbst als die AfD probierte, sich gewaltsam ihren Raum zu nehmen.

LB: Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast. Möchtest du abschließend noch etwas sagen?

I: Abschließend möchte ich sagen, dass es für Magdeburg ein gutes Signal war, die Veranstaltung der „Campus Alternative“ zu verhindern. In Zeiten, in denen die AfD mit knapp 24% im Landtag vertreten ist, kann Magdeburg solche Aktionen gegen völkischen Nationalismus gut gebrauchen. Ich hoffe wir sind das nächste mal wieder so erfolgreich.

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